Wenn die Dinge sich beruhigen…

Ich saß abends an meinem Schreibtisch, hatte den ganzen Tag gearbeitet und noch immer eine Menge zu tun. Die Zimmertür stand einen kleinen Spalt offen. Leah-Sophie kam mit ihren 18 Monaten hereingetapst, legte ein Bilderbuch auf den Tisch (sie musste sich noch ganz schön strecken) und stellte sich mit ausgestreckten Armen vor mich hin. Was sie wollte war unmissverständlich. Leider hatte ich keine Zeit, und das sagte ich ihr auch. Ich gab ihr einen Kuss und reichte ihr das Buch zurück, mit dem sie nach kurzem Zögern in Richtung Mama verschwand.

Ich war danach vorerst zu beschäftigt, um mich schuldig zu fühlen. Dann begegnete mir das Gleichnis vom reichen Kornbauern, das Jesus im Lukas-Evangelium (Kapitel 12,16-21) erzählt. Darin räumt Jesus mit der allseits verbreiteten Illusion auf, dass wir irgendwann „genug“ haben und uns um „Kleinigkeiten“ wie Familie oder unsere Seele kümmern werden, wenn die Dinge sich beruhigen. Jesus sagt: Wenn du nur nach materiellen Gütern strebst, wirst du niemals genug haben. Die Dinge werden sich erst beruhigen, wenn du stirbst! (Dann wird es allerdings extrem ruhig!)
Alle möglichen technischen Errungenschaften sollen uns Zeit sparen: Mikrowelle, Wasserkocher, schnellere Autos, Fastfood (mit Drive-In’s), Shampoo und Spülung in einem, …! Eigentlich müssten wir doch gar nicht wissen, was wir mit all der neu gewonnenen Freizeit tun sollen, stattdessen scheint für immer mehr Menschen der Tag zu wenige Stunden zu haben!

Heute nehme ich mir eine “Quality-Time” in Form einer 3-Minuten-Pause, um mit Leah-Sophie ein Bilderbuch anzuschauen. (Die Dinger nehmen notfalls wirklich nicht mehr Zeit in Anspruch. Und meistens will sie danach eh wieder vom Schoß runter, weil es ihr zu langweilig wird. :-P )

Heute schreibe ich eine Dankeskarte (oder einen Rundbrief), weil es der Adressat morgen vielleicht schon nicht mehr lesen kann.

Heute will ich Versöhnung leben, weil es morgen vielleicht nicht mehr möglich ist. Man kann diese Liste beliebig ergänzen.

Ich wünsche dir, dass du die wichtigsten Dinge des Lebens erkennst und nicht aufschiebst, bis die “Dinge sich beruhigen”…

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